KUnstschätze aus Benin/Nigeria in den REiss-Engelhorn-Museen

Die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim besitzen eine bislang unbekannte Anzahl wertvoller Objekte aus Benin/Nigeria.

Seit den 1970er Jahren versucht Nigeria, einen Teil seiner Kunstschätze zurück zu erhalten, die 1897 während einer britischen „Strafexpedition“ angeeignet wurden und anschließend in großer Zahl in europäische und nordamerikanische Sammlungen gelangten. Das British Museum in London ebenso wie die deutschen Museen verweigerten bisher eine Rückgabe. Vor Kurzem hat sich in Deutschland etwas bewegt: Eine auf Initiative der Bundesregierung gebildete „Benin Dialogue Group“, zu der die großen deutschen Museen gehören, erklärte am 29.04.2021 ihre Bereitschaft zu substantiellen Rückgaben von Benin-Bronzen und verständigte sich darauf, bis zum Sommer dieses Jahres konkrete Handlungsschritte und einen Fahrplan für die Frage der Rückführung zu erarbeiten. Es geht um die Herstellung „umfassender Transparenz“ und „weitere Gespräche mit der nigerianischen Seite über Rückführungen“. Weitere deutsche Museen und Einrichtungen, die Benin-Bronzen bzw. Benin-Objekte in ihren Beständen haben, werden in der Erklärung aufgefordert, sich an dem skizzierten Prozess zu beteiligen. 

Bisher halten sich die REM jedoch mit der Offenlegung zurück. Auf der Homepage der REM (Stand 10.6.21) sind die einzelnen Objekte nicht genannt. Es heißt: „Aus Benin in Westafrika stammen u. a. aufwändig gearbeitete Reliefplatten, die ursprünglich Pfeiler einer Palastanlage zierten.  Sie gehören zu den wegen ihrer Provenienz problematischen Objekten der Sammlungen, da die sogenannten „Benin-Bronzen“ durch eine britische Strafexpedition in den Handel und somit an die Museen gelangten.

Ältere Veröffentlichungen sowie Leihgaben an andere Museen belegen jedoch viel mehr Objekte. So berichtete Dr. Robert Pfaff-Giesberg, 1936 – 1964 Direktor des damaligen ethnologischen Museums Mannheim,1964: …die kostbaren Altertümer aus dem 15. bis 18. Jahrhundert blühenden west-afrikanischen N*-reich Benin,schwere Bronze-büsten, Reliefplatten, Amulettmasken,Zeremonialglocken, Prunkwaffen und beschnitzte, gewaltige Elefantenzähne, sind geschlossen ausgestellt.“
Pfaff-Giesberg, Robert, die völkerkundlichen Sammlungen der Stadt Mannheim,1964 

Noch am 8.10.1996 war auf der Homepage der REM noch zu lesen: „Internationalen Rang hat die Mannheimer Benin-Sammlung. Diese Objekte stammen aus der Stadt Benin, die die Portugiesen 1485 erstmals aufsuchten. Kunstschätze Benins, insbesondere die berühmten Bronzearbeiten und figürlich geschnitzten Elefantenzähne sind heute rare und gesuchte Kostbarkeiten in den Museen der Welt. In Mannheim sind gut dreißig von ihnen ausgestellt.“

Quelle: https://www.zum.de/Faecher/G/BW/Landeskunde/rhein/ma/ma_reiss.htm

Eine Anzahl von Bronzeköpfen wurden laut Pfaff-Giesberg von der Sammlung Meyer 1925 gekauft.  2015 verliehen die REM mehrere Bronzeköpfe, in ihrer Art ähnlich dem oben abgebildeten, und eine Reliefplatte an das Mailänder MUDEC .  

Sind die Bestände der REM an Artefakten aus Benin tatsächlich nicht erfasst?

In einem Interview mit dem MM antwortete antwortete der Generaldirektor der REM Prof. Wilfried Rosendahl auf die Frage, ob es Rückgabeforderungen aus Herkunftsländern gegeben habe:

Rückgabeforderungen aus den Herkunftsländern gab es, weil die Bestände gar nicht genau bekannt und erforscht sind, aber auch nicht.
Prof. Rosendahl,  „Aufarbeitung der Kolonialzeit beginnt“ Mannheimer Morgen vom 7.5.21 

Über die genaue Anzahl der Artefakte aus dem Benin gibt es  verschiedene Angaben . 1996 gaben  die REM an, dass über die 30 ausgestellten Exponate hinaus, weitere „Kostbarkeiten“ im Depot lagern.  Nach Angaben von Prof. Rosendahl gegenüber dem SWR am 29.5.21  befinden sich  fünfzehn Bronzen, Skulpturen, Platten, Reliefs, Fragmente in den REM. 

Beim heutigen  Stand der internationalen Debatte kann sich ein Museum nur durch völlige Transparenz – sprich online-Darstellung seiner Objekte – dem Vorwurf entziehen , Objekte in den Depots zu verwahren, um keine„Begehrlichkeiten zu wecken“ .
Bedrohte Schätze im Depot“ in „Die dunklen Flecken großer Museen und kleiner Sammlungen“ ZDF,  28.11.2020  

Im Zuge der Restitution der aus dem heutigen Nigeria  geraubten Objekte ist geplant, bis zum 15. Juni eine digitale Aufstellung aller Benin-Bronzen zu geben, die sich im Besitz deutscher Museen befinden.

Wir gehen davon aus, dass die Reiss-Engelhorn-Museen der Aufforderung nachkommen,

  • sich am Prozess der Dialogue Group zu beteiligen,
  • öffentlich zu machen, welche Objekte aus Benin sich in ihrem Bestand befinden und
  • bis zum Sommer 2021 verbindliche Handlungsschritte zu erarbeiten.

Finanzielle Unterstützung könnte z.B. beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste beantragt werden, die aktuell und kurzfristig Mittel für die Erforschung der Herkunft der Benin-Bronzen bereitstellen.

Mehr Informationen:

Quelle des Beitragsbildes: http://www.galerieherrmann.com/arts/art2/2008_Bronzen/index_dt.htm

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