Diskussion zur Umbenennung

1935 wurden im Sinne der NS – Propaganda für Krieg und Rassismus die Straßen der neuen IG-Farben-Siedlung im Mannheimer Stadtteil Rheinau-Süd nach den Kolonialpionieren Th. Leutwein, A. Lüderitz, G. Nachtigal und C. Peters benannt. Sie tragen mit Ausnahme der Carl-Peters-Straße immer noch diese Namen. Mehr erfahren

2008 beantragten die GRÜNEN im Gemeinderat, alle Straßennamen nach ihren historischen Gehalten zu überprüfen. Da insbesondere die 1935 nach Kolonialisten benannten Straßen der IG-Farben-Siedlung im Mannheimer Stadtteil Rheinau-Süd im Fokus standen, lud bereits im Oktober 2008 die dortige Siedlergemeinschaft zu einer Versammlung ein, bei der sich Viele gegen eine Umbenennung aussprachen. Die Diskussion konzentrierte sich rasch auf die Carl-Peters-Straße, nachdem der Leiter des Stadtarchivs Dr. Ulrich Niess, erklärt hatte, die Benennung einer Straße nach dem „unbelehrbaren Rassist“ Carl Peters sei nicht zu halten. (MM vom 31.10.2008).

2009 beauftragte der Gemeinderat die Verwaltung, eine konkrete Projektbeschreibung zur Analyse aller Straßennamen und Taufbezirke nach ihren historischen Gehalten zu entwerfen und dem Gemeinderat zur endgültigen Beschlussfassung vorzulegen. 2011 beschloss der Gemeinderat, die Carl-Peters-Straße nach dem Naturforscher Wilhelm Peters zu benennen. Damit wurde eine ,unauffällige‘ Lösung ohne Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte gewählt.

Die Diskussion um die kolonialistischen Straßennamen nahm erst im Februar 2019 durch die Veröffentlichung eines ausführlichen Berichts im MANNHEIMER MORGEN durch den Redakteur Manfred Loimeier wieder Fahrt auf, in dem die Unhaltbarkeit der kolonialistischen Straßennamen nachgewiesen wurde. Daraufhin forderte ein späteres Arbeitskreismitglied in einem im MM veröffentlichen LESERinnenBRIEF den zuständigen Gemeinderat zum Handeln auf. Die GRÜNEN nahmen diese beiden Impulse auf und stellten am 12.3.2019 einen Antrag im Gemeinderat mit der Aufforderung an das MARCHIVUM , „eine Liste mit Mannheimer Straßennamen, die mit der Kolonialherrschaft in Verbindung zu bringen sind, zu erstellen.“

2020 lag das vom MARCHIVUM beauftragte Gutachten des Mainzer Leibniz-Institut für Europäische Geschichte zu den vier Namensgebern Hedin, Leutwein, Lüderitz und Nachtigal vor. Das Gutachten kommt zu folgendem Ergebnis: „Legt man als Kriterien für die Ehrung einer Person durch einen Straßennamen an, dass dieser Person Vorbildcharakter zuzusprechen ist, sie moralisch-ethische Orientierung zu liefern vermag oder aufgrund herausragender politischer, kultureller, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher oder sportlicher Leistungen gewürdigt wird, so erfüllt keine der genannten Personen diese Kriterien.“

Entsprechend der Empfehlung schlägt eine Beschlussvorlage für den Gemeinderat die Umbenennung der vier Straßen vor, mit einem Übergangsprozess von zwei Jahren. Der Bezirksbeirat Rheinau sprach sich mehrheitlich für eine Umbenennung aus. Die AFD rührte die Werbetrommel für eine weitere Ehrung der Namensgeber, die sie als „Zivilbeamte aus dem kurzen deutschen Kolonialabenteuer“ bezeichnet. (Amtsblatt vom 12.11.2020)  

Weil in Rheinau-Süd Ablehnung – insbesondere wegen der Umstände und Kosten – artikuliert wurde, wurde die im Oktober angesetzte Beratung des Themas im Gemeinderat verschoben. Der Oberbürgermeister wandte sich mit einem Brief an die Anwohnerinnen und Anwohner und kündigte ein Bürgerbeteiligungsverfahren an. Der Mannheimer Morgen berichtete mehrmals: „Das passt nicht zu unserer Stadt“ MM 01.10.2020, Diskussion über die Kosten MM 08.12.2020.

Mitglieder unseres Arbeitskreises beteiligten sich an der Diskussion im MM:
LESER*innenBrief vom 1.10.20, LESER*innenBRIEF 18.10.20, LESER*innenBRIEF 22.10.20. 

Die Mitglieder des Arbeitskreises Kolonialgeschichte verteilten im Dezember 2020 an alle Haushalte in Rheinau-Süd ein Faltblatt mit Informationen über die vier Namensgeber. Darauf erhielten wir per Email positive und negative Rückmeldungen. In unserer Antwort verdeutlichten wir  unsere Haltung. Wir betonen, dass bei der Neubenennung anders als 2011 deutliche antikoloniale und antirassistische Signale gesetzt werden sollten.