Koloniale Herrschaft der Deutschen in Ozeanien

Aus Anlass der Ausstellung „Kirchner, Lehmbruck, Nolde – Geschichten des Expressionismus in Mannheim“, Kunsthalle Mannheim am 12.11.25

Autorin: Anna Barbara Dell

Wie sahen die „Sehnsuchtsinseln“ Ozeaniens aus, als die deutschen Expressionisten Emil Nolde und Max Pechstein dorthin kamen?

Kurze Vorgeschichte Ozeaniens, in der Kolonialzeit „Südsee“ genannt

Die älteste und westlich geprägte Bezeichnung für die pazifische Inselwelt ist der dem 16. Jahrhundert entstammende Begriff der „Südsee“, heute spricht man von Ozeanien

Schon vor 20.000 Jahren hatten Menschen in Ozeanien gesiedelt. Vor ungefähr 9000 Jahren wurden erste Lebensmittel wie Sago (das Sago-Mehl wird aus dem Stamm der Sago-Palme gewonnen), Kokospalmen und Zuckerrohr angebaut. Ebenso begann das Halten von Schweinen.

Lange Zeit lebte die Bevölkerung in kleinen Siedlungen mit bis zu 300 Personen, die Dörfer verfügten über keine ausgeprägten Herrschaftssysteme. 

Im 16. Jahrhundert wurde die Küste Neu Guineas von Portugiesen für die westliche Welt „entdeckt“, fand aber durch die dichte Bewaldung vorerst wenig Interesse. Erst im 18. Jahrhundert wurden der Walfang und der Handel mit Sandelholz, Seegurken und mit Kopra (Mark der Kokosnuss) sowohl für einheimische als auch für westliche Händler zum Geschäft.

Mit dem Eintreffen von Europäern in Ozeanien wurden bereits koloniale Besitzansprüche auf pazifische Inseln erhoben. Für die Plantagenwirtschaft in Australien begann die Anwerbung von Arbeitskräften in Ozeanien, auch „Blackbirding“ genannt. (Siehe die späteren Hinweise) Besonders australische, deutsche und englische Händler konkurrierten um Arbeitskräfte und taten sich durch brutale Formen der Arbeitskräftebeschaffung hervor. 

Im 19. Jahrhundert fand die flächendeckende Kolonisation des riesigen Ozeanien-Raumes statt, beteiligt waren Spanien, das Vereinigte Königreich, die Niederlande, Australien, die USA, Frankreich und das Deutsche Reich. 

Aufgrund des enormen Umfangs der Fläche in Ozeanien avancierte Deutschland zur viertgrößten Kolonialmacht. Nach dem 1. Weltkrieg wurden 1919 die Kolonien unter den Siegermächten aufgeteilt.

Ehemals Deutsches Kolonial-Territorium: Kaiser-Wilhelm-Land,Bismarck-Archipel, die nordwestlichen Salomonen mit den Inseln Buka, Bougainville, Choiseul und Ysabel. Im Laufe der Zeit kamen die Marshall- und die Gilbertinsel, die Karolinen-, Marianen- und die Palauinseln sowie die samoanischen Inseln Upolu und Savaiì hinzu.

Aufbau der Herrschaft der Deutschen mit „Strafexpeditionen“ 

Schon vor der offiziellen Annexion 1884 durch das Deutsche Reich galt für Händler und Kauflaute das Prinzip des sogenannten „Faustrechts“. Legitimiert wurde das Vorgehen ab 1885 durch sogenannte „Kaiserliche Schutzbriefe“. Damit wurde der 1885 neu gegründeten Neuguinea-Kompanie das Recht zugesprochen, die Landeshoheit auszuüben, der Ansiedlung und dem Verkehr den Weg zu ebnen und „herrenloses“ Land in Besitz zu nehmen. (Krug, S. 17)  Der „Schutzbrief“ war ein Freibrief für die Okkupation. Alle Pioniere beteiligten sich am systematischen Bodenraub, Einspruch der Einheimischen war zwecklos. 

Ein Grund für die gnadenlose Durchsetzung des Bodenraubs war der europäische Eigentumsbegriff. Sobald Europäer Land in Besitz nahmen, betrachteten sie dieses als ihr Eigentum und schossen Einheimische ab, die weiterhin und selbstverständlich Kokosnüsse dort ernteten. 

Die Enteignung traf überall auf heftigen Widerstand, woraufhin sogenannte „Strafexpeditionen“ gegen die einheimische Bevölkerung stattfanden. Der Ausdruck „Strafexpeditionen“ suggerierte einerseits exotische Abenteuer und deutete andererseits an, es handele sich um eine gerechte Bestrafung aufgrund einer Missetat der Einheimischen. „Strafexpeditionen“ waren mörderisch und wurden als Prinzip der  Vergeltung und Abschreckung angewandt. Ziel war es, die Interessen deutscher Händler zu wahren und die Hegemonie des Deutschen Reiches in Ozeanien zu sichern. Zwischen 1872 – 1914 wurden zirka 300 „Strafexpeditionen“ durch die Deutsche Kolonialmacht durchgeführt. 1925 wurde in Berlin die Vernichtung der Akten angeordnet, sodass die genau Zahl nicht mehr ermittelbar ist. Allerdings sind Berichte einzelner Kommandanten von Kriegsschiffen, die „Strafexpeditionen“ durchführten, erhalten.  

Für die Kolonisatoren war Gewalt ein unverzichtbarer Teil ihres Herrschaftsanspruches. Bekannt und nachgewiesen sind die Gründlichkeit und Entschlossenheit, mit denen besonders die Deutschen mittels „Strafexpeditionen“ ganze Inseln zerstörten, Bewohner*innen massakrierten, auslöschten und wochenlang Terror gegen „unbotmäßige“, „aufrührerische“ Volksgruppen verbreiteten. (Krug) 

Die Gewalt hatte auch den Zweck, deutsche „Händler“ und ihre Profite zu schützen. Der Hamburger Großunternehmer Hernsheim hatte 1880 bereits 12 Stationen in Ozeanien gegründet, 32 Agenten arbeiteten für ihn, seine Ländereien galten als Imperium Nummer 3, hinter der Neu-Guinea-Kompanie und der Hamburger Südsee-Kompanie. 1882 wurde Hernsheim zum Generalkonsul ernannt und berichtete direkt an Bismarck. Dem Unternehmer wurde nachgesagt, er residiere in Ozeanien  wie ein König.   

Bismarck war also gut informiert und wusste, was seine Truppen taten. Er war offensichtlich daran interessiert, „gewinnbringende“ Unternehmen wie die von Hernsheim auch militärisch zu unterstützen. Aus den Akten geht hervor, dass die deutschen „Strafexpeditionen“ von höchster Stelle gedeckt und vorangetrieben wurden. 1882 setzte Bismarck sich persönlich dafür ein, dass auf den Hermit-Inseln (auch Luf-Insel genannt) Menschenleben eliminiert wurden – unabhängig von persönlicher Schuld. Das Massaker auf den Hermit-Inseln kann als der erste Völkermord der Deutschen gewertet werden, wenn er auch nicht das Ausmaß der Tötungen der Nama und Ovaherero in Namibia hatte. Die einheimische Bevölkerung erholte sich nie, die angeeigneten Anbaugebiete mussten von den deutschen Händlern mit Arbeitern aus anderen Inseln besetzt werden. (Aly,Krug) 

Widerstand der Einheimischen 

Aus den Quellen geht hervor, dass die Einheimischen in Ozeanien ihre angestammten Lebensräume mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigten und ungerechte und willkürliche „Strafen“ der Kolonisatoren zu sühnen suchten. Bekannt sind eine ganze Reihe von Aufstandsversuchen und Widerstandshandlungen: Der sogenannte 6-Tage-Krieg 1878, der Kugel-Zauber-Krieg 1893, Aufstände in Friedrichshafen 1904 und 1912 und die Rebellion auf den Karolinen 1910, die den größten Aufmarsch der Deutschen Flotte im Pazifik bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges nach sich zog. 

Die Ausübung kolonialer militärischer Gewalt gehörte zum Alltag, sie war ein elementarer Bestandteil kolonialer Herrschaftspraxis. Dabei waren sogenannte „Kanonenboote“ mit euphemistischen Namen wie „Hyäne“ und „Möwe“ im Einsatz, ebenso Kriegsschiffe mit den poetischen Namen „Gazelle“ und „Cormoran“.  

Zusammengefasst: Die gängigen Gewalthandlungen des deutschen Militärs in Deutsch-Neu Guinea und auf den Inseln Ozeaniens waren Morde an der Bevölkerung, Geiselnahmen, Vergewaltigungen, das Niederbrennen von Ortschaften, die Zerstörung der lebensnotwendigen Kanus und der Fischereigeräte, Verwüstung von Pflanzungen und der Raub von Nutztieren für die Verköstigung der deutschen Soldaten. 

Die systematische Tötung und die Vernichtung der Lebensgrundlagen verursachte auf vielen Inselgruppen Ozeaniens für das fast völlige Aussterben der Einheimischen. (Aly, Krug)

Verbunden mit dem militärischen Vorgehen waren massenhafte Plünderungen von Kulturgegenständen als Kriegsbeute. Alles, was an Gegenständen des täglichen Lebens bis hin zu Werken der Hoch-Kultur vorhanden war, wurde geraubt. Dies geschah nicht nur zur persönlichen Bereicherung, sondern war auch mit zukünftigem Prestige verbunden. Denn bei Schenkung von Kulturgütern an deutsche ethnografische Museen winkte die Verleihung von Orden. 

Weder Bismarck noch irgendein Kommandant wurden jemals zur Rechenschaft gezogen, fast alle Kapitäne stiegen in den Admiralsrang auf. (Krug) 

Gründung der Neuguinea Kompagnie  NGK und einer deutschen Polizeitruppe

1882 wurde die Neuguinea-Kompagnie gegründet und 1885 – nach derAufteilung der Herrschaftsgebiete unter die Kolonialstaatenals Konsortium mit kaiserlichen „Schutzbriefen“ des Deutschen Reiches versehen. Ein Äquivalent zum „Kaiserlichen Schutzbrief“ gab es für britische und australische Kaufleute nicht. 

Mit der Neuguinea-Kompagnie war das Ziel verbunden, den Handel und die Plantagenwirtschaft mithilfe deutscher Siedler in Gang zu bringen. Durch die verheerenden Vernichtungsfeldzüge gegen die Einheimischen waren diese derart dezimiert, dass Arbeitskräfte kaum zu finden waren. Zeitweilig wurden deshalb Arbeitskräfte aus Java und China angeworben. 

Mit dem Gouverneur Albert Hahl wurde 1914 eine eigene Polizeitruppe im Deutschen Kolonialgebiet systematisch auf- und ausgebaut, die bis zu 932 Mann stark war. Sie war mit Ausnahme der französischen Polizeitruppe in Französisch-Kaledonien die stärkste in Ozeanien. Auch in entlegenen Gebieten wurden Polizeiposten gegründet, sodass auf jede Unruhe durch mobile Eingreifkommandos reagiert und jeder Widerstand durch wochenlange Treibjagden niedergeschlagen werden konnte. Viele Einheimische kamen dabei durch Erschöpfung, Hunger, Kälte und Krankheiten ums Leben. 

Die Polizeitruppe bestand aus angeheuerten Söldnern, die sich in den Gebieten auskannten. Mit modernen Karabinern ausgestattet, genügten wenige Polizisten, um ganze Landstriche zu kontrollieren. 

Die Neuguinea-Kompagnie erwarb autonome Selbstverwaltungsrechte, die jedoch 1899 wegen drohender Insolvenz aufgegeben wurden; das Deutsche Reich übernahm 1899 mit den Hoheitsrechten auch die Kosten, die für Händler und Kaufleute angefallen waren. 

Der Mannheimer Ingenieur, Unternehmer, Bankier,  Mitglied des Reichstags und seit 1883 Mitglied des Deutschen Kolonialvereins Ferdinand Scipio wurde Teilhaber an der Neuguinea-Kompanie. Erkenntnisse über seine weiteren Aktivitäten in Ozeanien sind leider nicht bekannt.  

Koloniale Ausbeutung    

Für die kolonialwirtschaftliche Ausbeutung des pazifischen Raumes stieg um die Mitte des 19. Jahrhunderts der Bedarf an Arbeitskräften. Angebaut wurden Tabak, Baumwolle, Nutzhölzer und besonders Kokospalmen, es entstanden große Kokosnuss-Plantagen, auf denen die Verwertung der Kokosnüsse zu Kopra (getrocknetes Fruchtfleisch der Kokosnuss) stattfand. Der Koprahandel brachte deutsche Unternehmen schon ab 1859 nach Mikronesien, um 1880 kontrollierten die deutschen Händler 80% des Außenhandels der Karolinen und Marschallinseln. (Hempenstall) „Die Sammlerwirtschaft der Eingeborenen – das Zusammentragen von Nüssen, das Trocknen und Auspressen von Kokosnussfleisch für Kopra blieb der Hauptbestandteil der Handelswirtschaft in Mikronesien und im ganzen Pazifik.“ (Hempenstall) Diese Produktion wurde in dem Maße gewinnbringend, als in den europäischen Metropolen ab Ende des 19. Jahrhunderts eine wachsende Nachfrage nach Ölen und Fetten entstanden war. Ein Teil dieser Nachfrage entfiel auf Kokosöl, das als Speisefett und als Rohstoff für die Herstellung von Kerzen und Seifen verwendet wurde. (Hardach) Nachdem das Hamburger Handelshaus J.C. Godeffroy, das seit den fünfziger Jahren eines der führenden Unternehmen im Koprahandel der Südsee war, in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, wurde ihr Südseegeschäft von der neu gegründeten Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft übernommen. Ebenso übernahm die Firma Robertson&Hernsheim vom Bismarckachipel aus Teile der Kokosnuss-Plantagenwirtschaft. 

„Blackbirding“ als Methode der Arbeitskräftegewinnung

Australische, deutsche und englische Händler konkurrierten um Arbeitskräfte und taten sich durch brutale Formen der Arbeitskräftebeschaffung hervor. In den 1860 Jahren setzte ein intensiver Handel mit indigenen Kontraktarbeitern und -arbeiterinnen für die Plantagen- und Minenwirtschaft nicht nur in Australien, sondern auch auf den Inseln Fidschis, Neukaledoniens, des späteren Deutsch-Neuguineas und Samoas und auf anderen Inselgruppen z.B. Hawaii ein. 

Durch die brutalen Eroberungsmethoden besonders der deutschen Kolonisatoren waren die Bevölkerungen Ozeaniens radikal dezimiert und die Anzahl der Pazifikinsulaner*innen, die sich freiwillig verpflichten ließen, klein. Die Anwerbung und Verschiffung von Menschen erfolgte daher meist durch gewaltsame Entführungen, Betrug und falsche Versprechungen. Lokale Herrscher wurden mit Waffen, Werkzeugen, Textilien und Geld bestochen, um junge Arbeiter besonders in die Zuckerrohr-Plantagen Australiens zu schicken. 

Zeitungen berichteten über Misshandlungen der Inselbewohner*innen. Schießereien, Entführungen, Auspeitschungen, die Zerstörung von Ernten und das Niederbrennen von Dörfern durch die Anwerber waren übliche Methoden, um an Arbeitskräfte heranzukommen. Diese Praxis der Anwerbung wurde im ungefähren Zeitraum von 1863 bis 1904 angewandt und „Blackbirding“ (auch „Blackbird-Catching“) genannt. Etwa 60.000 Melanesier und Mikronesier wurden nach Australien, Fiji und Samoa verschleppt, wo sie unter sklavenähnlichen Bedingungen auf Zuckerrohrplantagen, im Fischereiwesen oder als Matrosen  arbeiten mussten. Die sogenannten „Kanakas“ trugen zum Aufbau der Zuckerindustrie in Australien entscheidend bei. Nach 1904 wurde das willkürliche und menschenverachtende Anwerbeverfahren offiziell verboten.

Die Zwangsrekrutierung und Verschleppung von Menschen in verschiedene Teile des Pazifik wies Ähnlichkeiten mit dem transatlantischen Sklavenhandel auf. Es wurden hauptsächlich Männer verschleppt, aber auch Frauen, Jugendliche und Kinder. Die Sterblichkeitsrate der Verschleppten war hoch, z.B. starben von den für das deutsche Kolonialgebiet Samoa rekrutierten Melanesier*innen mehr als 20%. Bis heute hat diese Geschichte des „Blackbirding“ in der Pazifik-Community tiefe Wunden hinterlassen.     

Der deutsche Arzt, Anatom und Anthropologe Felix von Luschan sprach „von der dreifachen Pest…mit der wir unsere dunkleren Brüder heimgesucht haben:  mit Alkoholismus, Geschlechtskrankheiten“ und „mit den Sklavenjagden, die in der Südsee … nicht  um ein Haar weniger brutal, gemein und niederträchtig waren als in Afrika.“ (Aly)

Die ideologische Basis der Ausbeutung in Ozeanien  

Die ideologische Basis für die Rechtfertigung der Kolonisierung der Bevölkerungen Ozeaniens lieferten von Europäern entwickelte rassistische Theorien. Deren Zweck war es, eine Überlegenheit zu konstruieren, um so die koloniale Expansion zu legitimieren. Anhand körperlicher Merkmale wie Hautfarbe, Haarstruktur, Kopfform, Größe des Skeletts, Blut u.a. sollten angebliche menschliche „Rassen“ unterschieden werden können. Diesen wurden bestimmte soziokulturelle Eigenschaften und Verhaltensmuster zugeschrieben. Auf diese Weise erfolgte eine Abgrenzung und vor allem Hierarchisierung von postulierten Menschengruppen in höherwertige und minderwertige „Rassen“. 

Je nach „Rasse“ und diesen unterstellten unterschiedlichen Eigenschaften wurde der Arbeitsmarkt reguliert. Chinesische und indische Arbeitskräfte galten „rassisch“ als „höherwertig“ und wurden weniger brutal behandelt. Hintergrund war, dass sowohl China als auch die Kolonialstaaten Portugal und England auf die weltweit zunehmenden Sklavenaufstände mit gesetzlichen Regularien gegen Zwangsarbeit antworteten, um die Arbeitskräftezufuhr insgesamt aufrecht zu erhalten.   

Die Hierarchisierung von Menschengruppen wurde auch mit einem scheinbaren Dualismus von „Natur“ (Schwarz, Emotion, Wildheit, Primitivität) und „Kultur“ (Weiß, Vernunft, Zivilisation, Fortschritt) begründet. Die unterschiedliche Wertigkeit von „Menschenrassen“ war somit die ideologische Basis für koloniale Gewalt. Die Nationalsozialisten weiteten diese Ideologie auf als minderwertig eingestufte Gruppen der eigenen Gesellschaft aus wie Obdachlose, „Alkohol- und Geisteskranke“, „Asoziale“, Roma und Sinti etc. 

Rolle der Wissenschaften und der Kunst in kolonialen Kontexten        

Die europäischen Museen und Universitäten meldeten einen großen Bedarf an allem an, was die Kolonien zu bieten hatten. Museen begehrten besonders kulturelle Gegenstände aller Art, denen ein ethnografischer Wert beigemessen wurde, etwa Kanus, Trommeln, kunstvoll gearbeitete Stützbalken eines Hauses  („Männerhaus“ auf Luf), geflochtene Matten und Schnitzereien. 

Köpfe von Menschen, Skelettreste und Weichteile von Verstorbenen wurden von Universitäten angefordert, Gefangene und Tote wurden für anthropologische „Rassenkunde“-Forschungen fotografiert und vermessen. 

Dabei gab es eine intensive Kooperation von kolonialwirtschaftlich tätigen Händlern und Unternehmern, Missionaren, Angestellten privater Schifffahrtsgesellschaften und Medizinern. Auch Maler wie Emil Nolde waren gefragt, der bei einer medizinisch-demografischen Expedition nach Neuguinea 1913/1914 als Angestellter präsent war; für seine Zeichnungen wurde er weitgehend freigestellt. Nolde schuf auf dieser Reise zahlreiche Aquarelle, Gemälde und kleinere hölzerne Skulpturen, die im Kontext der kolonialen Expedition standen. 

Wie oben beschrieben, war die Inselwelt um 1910 derart entvölkert, dass es Bemühungen vonseiten deutscher Wissenschaftler und Mediziner gab, den Ursachen des Sterbens nachzugehen. Ein Beispiel war die medizinisch-demografische Expedition, die den Gesundheitszustand der in Ozeanien beheimateten Menschen erfassen sollte. Nach neueren Erkenntnissen stand der Zweck dieser  Reise im Zusammenhang von Rasse, Arbeit und Sterberate. Nolde bezeichnete sich als „Expeditionsrepräsentant der deutschen Regierung“ und ordnete seine Tätigkeit damit selbstverständlich in den kolonialen Kontext ein „…das Demographische, die Erforschung der rassischen Eigentümlichkeiten der Bevölkerung war meine freie und besondere Aufgabe“.

Die Zeichnungen von Nolde wurden von den Wissenschaftlern geschätzt, besonders die Farb-Schattierungen seiner angefertigten Porträts. Diese Schattierungen wurden mit anderen „Rassemerkmalen“ von Kolonisierten anderer Erdteile verglichen, um daraus  Erkenntnisse über scheinbare verwandtschaftliche Zusammenhänge von sogenannten „Rassen“ abzuleiten.  Die Umstände der Zeichnungen sind wenig bekannt. Aber aus Notizen von Zeitgenossen geht hervor, dass diese Zeichnungen auf wenig Gegenliebe bei den zu Porträtierenden stieß. Deshalb musste auf angestellte Arbeiter zurückgegriffen werden, die quasi gezwungen werden konnten, als Modell zur Verfügung zu stehen.  

Maßgeblich an dem stetig geäußerten Bedarf an sog. „wissenschaftlichem Material“ aus Übersee waren die pseudo-medizinischen Untersuchungen menschlicher Überreste der sogenannten „Rassen vergleichenden“ Wissenschaftler an Deutschen Universitäten und Völkerkundlichen Instituten. Herausragender Vertreter war der Eugeniker Eugen Fischer, Professor an der Universität Freiburg, im Nationalsozialismus wichtigster  Experte für „Vergleichende Rassenkunde“. Fischer bat wiederholt, ja er bettelte „das Reichskolonialamt, die Regierungsärzte in den Schutzgebieten zu veranlassen, ihm zu Studienzwecken Köpfe von Eingeborenen in Spiritus konserviert zu übersenden.“ (Aly) 

Auch die Ethnologie, ursächlich im Kontext der kolonialen Erkundungen und Eroberungen als Wissenschaft etabliert, unterstützte den Raub direkt und indirekt. Ein Beispiel ist der oben genannte Anthropologe und Arzt Felix von Luschan, Leiter der Ozeanien-Abteilung des Berliner Völkerkundemuseums. Er sah einerseits sorgenvoll die Zerstörung der Inselgruppen als Verlust auch für seine Wissenschaft, profitierte jedoch andererseits mit seinem Museum durch ein enormes Ansammeln von Kulturgütern wie z.B. dem wunderbar kunstvoll gearbeiteten großen Boot der Insel Luf. (Aly)       

Die Palau-Inseln – Sehnsuchtsort von Max Pechstein – ein Beispiel für die Zerstörung durch die Deutschen Kolonisatoren

Als der Maler Max Pechstein im Mai 1914 den Reichspostdampfer „Derfflinger“ bestieg, um in die damalige deutsche Kolonie in der Südsee zu reisen, befand er sich auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere.    

Auch auf der Palau-Inselgruppe fanden die Besucher*innen wie der Maler Pechstein und seine Frau 1913/1914 eine bereits zerstörte Natur vor. Dieser Zustand soll anhand der wissenschaftlichen Arbeit einer Studentin der Universität Bremen demonstriert werden. (Wesemann)

Im Jahr 2022 forderten die einheimischen Inselbewohner*innen von Angaur, eine Insel der Palau-Inselgruppe im Südwestpazifik, von der Bundesrepublik Deutschland eine Wiedergutmachung für die vom Deutschen Kaiserreich begangene koloniale Ausbeutung in den Jahren 1909—1914. In diesen fünf Jahren wurden Phosphatvorkommen durch die Deutsche Südseephosphat-Aktiengesellschaft auf der Insel abgebaut und abtransportiert.
 
Dem Deutschen Staat war vertraglich zugesichert worden, dass der Gewinn-Überschuss aufgeteilt würde. Das Deutsche Reich erhielt 25 Jahre lang 40% des Überschusses, 60% ging an die Aktionäre. 

Phosphate waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein äußerst begehrter Rohstoff für die Herstellung von Wasch- und Reinigungsmitteln, Phosphat wurde und wird auch heute in der Landwirtschaft als Düngemittel zur Ertragssteigerung eingesetzt.

Laut der Bewohner*innen der Insel Angaur habe das Schürfen des Phosphats zu langfristigen, bis heute andauernden Schäden auf der Insel geführt. So sei zum Beispiel beim Graben nach den Phosphatvorkommen eine Vielzahl von Löchern auf der Insel entstanden, die bis heute die Landschaft der Insel prägen.

Zeitgenössische Fotografien zeigen, dass alle auf den Inseln Palaus erforderlichen Anlagen und Einrichtungen einschließlich der Häuser für die Arbeiter*innen in Deutschland in Auftrag gegeben wurden und von dort per Schiff ankamen, dass also in Angaur selbst keine Produktion erfolgte, die für die Einheimischen einen wirtschaftlichen Gewinn erbracht hätte. Es wird auch hier deutlich, dass die Deutsche Kolonialmacht kein Interesse daran hatte, die Wirtschaft in Angaur zu entwickeln, wie es von einigen Wissenschaftler*innen bis heute behauptet wird. (Wesemann) 

Der Phosphat-Abbau hatte weitere negative ökologische Auswirkungen. Neben den Löchern im Erdboden kam es zu der Besiedlung einer in dieser Region unbekannten Affen-Art (Makaken-Affen), hervorgerufen durch das Einschleppen durch die deutschen Ingenieure. Die große Zahl dieser Affen zerstört und plündert bis heute für die Inselbewohner*innen wichtige Nahrungsquellen wie Krabben, Kokosnuss- und Obstbäume. 

Ebenfalls kam es zu einer Verunreinigung der Süßwasserversorgung und der landwirtschaftlichen Flächen. Zeitgenössische Fotos beweisen, dass die Vegetation insgesamt schwer Schaden nahm. Überall dort, wo geschürft wurde, verschwanden die Bäume und wurde die zuvor unberührte Natur durch Abholzen geschädigt. 

Arbeitsbedingungen der Indigenen auf den Palau-Inseln

Da die Bewohner*innen der Inseln kein Interesse zeigten, sich als Arbeitskräfte zu verdingen, musste die Deutsche Regierung auf andere Quellen zurückgreifen. Es kam zu einer Anwerbung von chinesischen Arbeitskräften, die aber nur schleppend lief. Denn die chinesische Regierung kritisierte die schlechte Behandlung und Verpflegung der Arbeitskräfte in Ozeanien. So wurde den chinesischen Arbeitskräften ein Teil des Lohnes vorenthalten, die Arbeitstage verlängert und die Pausen verkürzt. Es ist bemerkenswert, dass die chinesische Regierung in jener Zeit eine gute Behandlung ihrer Arbeitskräfte einforderte und kontrollierte. Ganz im Gegensatz dazu kam es auf deutschen Anbaugebieten zu Zwangsarbeit, willkürlichen Lohnkürzungen und Prügelstrafen, die vonseiten der Deutschen Regierung nicht kontrolliert wurden. Diese Behandlung der Arbeiter*innen wurde durch Reichskanzler Bismarck rechtlich abgesichert. Seit 1886 gab es eine Verfügung Berlins für die sogenannten „Schutzgebiete“ in Ostafrika, Kamerun und Togo, die gerichtliche Strafen bei Vergehen der Arbeiter regeln sollte: In § 2 waren die zulässigen Strafen wie folgt festgelegt: „Körperliche Züchtigung wie Prügelstrafe oder Rutenstrafe, Geldstrafe, Gefängnis mit Zwangsarbeit, Kettenhaft und Todesstrafe.“  Es ist anzunehmen, dass diese Vorschrift auch für Ozeanien Gültigkeit hatte.

Forderungen der Indigenen 2022

Bemerkenswert ist, dass die Einheimischen der Palau-Inseln in ihrer Resolution an die Bundesregierung zwar sehr deutlich die Vielzahl an Zerstörungen benennen, jedoch keine Geldforderungen an den Deutschen Staat stellen. Sie fordern stattdessen eine professionelle Beratung für das Auffüllen der Löcher und die Beseitigung der Affen, also eine  Wiedergutmachung in Form von technischem und organisatorischem Know-How.               

Literatur: 

Götz Aly „Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten“, S. Fischer-Verlag 2021

Dr. Wilhelm Wendland, Regierungsarzt auf Herbertshöhe in seinen Memoiren, nach Götz Aly 

Lea Wesemann, Universität Bremen 2022: „Aneignung von Umwelt und Welt: Die Ausbeutung der deutschen Gebiete im Südwestpazifik durch die Deutsche Südseephosphat-Aktiengesellschaft, 1909–1914“.

Katharina Döbler, „Dein ist das Reich“, Ullstein Taschenbuch 2023  

Uwe Danker: „Nachdenken über Emil Nolde in der NS-Zeit“, Beirat für Geschichte, Demokratische Geschichte Band 14

H.J. Hiery (Hg): Die deutsche Südsee, 2001. Darin Herd Hardach: Die Deutsche Herrschaft in Mikronesien. Darin Peter Hempenstall: Mikronesier und Deutsche

Karten: Wikimedia commons; Foto: Arbeit in einer Phosphatmine in Palau, aus Wesemann.