Debatte

Bild: Francisco Anzola „Benin bronze“ (Attribution Licence)

Zu den heute augenfälligsten Erscheinungen des Kolonialismus und dem Fortleben kolonialer Strukturen gehören zweifellos die mit ungeheurer Sammelwut geplünderten Kunst- und Kulturgüter aus den ehemaligen Kolonien. Ob sie nun „gekauft“, „getauscht“ oder geraubt wurden –  ohne Kenntnis der durch die imperiale Gewaltherrschaft begründete asymmetrische Beziehung zwischen Kolonisierern und Kolonisierten ist ihre Aneignung durch die Europäer nicht zu verstehen. Erst dieses Ungleichgewicht machte die massenhafte Plünderung und Verschiffung dieser Kulturgüter Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nach Europa möglich, wo sie bis heute in Museen gezeigt oder nach dem Aufkommen einer kritischen Nachfrage nach ihrer Herkunft verschämt in Depots gelagert werden.

War in Deutschland die Debatte über den Umgang mit diesen Kulturgütern in den 1980er Jahren u.a. durch Museumsdirektoren noch verhindert worden, so nimmt sie aktuell wieder Fahrt auf. Spätestens seit der Ankündigung des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, das Raubgut, das sich in französischen Museen befindet, zurückzugeben, hat sich auch bei uns die öffentliche Diskussion intensiviert. Das zeigt nicht zuletzt die Auseinandersetzung um den Bau des Humboldt-Forums in Berlin und die dort geplanten Ausstellungen ethnologischer Sammlungen. Letztendlich geht es um eine gesellschaftliche Debatte über politische und moralische Verantwortung.  Die Museen haben sich verpflichtet, die Kunst- und Kulturgüter digital zu katalogisieren und weltweit zugänglich zu machen. Darüber hinaus muss auf Vertreterinnen und Vertreter der Herkunftsregionen aktiv zugegangen werden, um Wissen zu teilen sowie eine Rückgabe anzubieten und zu unterstützen. Tatsächlich werden seit einiger Zeit Rückgaben ins Auge gefasst. Auch wenn – wie aktuell für die Benin-Bronzen – vage erste Zeitpunkte genannt werden, bleibt abzuwarten wie ernst diese Absichtserklärungen gemeint sind.

Paulin Joachim, afrofranzösischer Dichter und Journalist, 1965 in der Monatsschrift „Bingo“, zitiert nach Bénédicte Savoy: „Afrikas Kampf um seine Kunst“:

„Man hat uns lange als Volk ohne Kultur und ohne Vergangenheit dargestellt. Wir haben nie etwas erfunden, noch können wir je etwas besingen. Die legitime Wiedererlangung unserer schönen Künste könnte dieser historischen Lüge ein Ende setzen und uns ein wenig vom Stolz Griechenlands schenken, der Mutter der Künste, die wie wir ebenfalls geplündert wurde.“

Mehr über koloniales Raubgut in deutschen Museen

ZDF-Dokumentation: Bedrohte Schätze im Depot

DEUTSCHLANDFUNK KULTUR: Podiumsdiskussion zum Thema „Koloniale Raubkunst“

DEUTSCHER MUSEUMSBUND: Umgang mit Sammelgut aus kolonialen Kontexten

DEUTSCHER BUNDESTAG: Debatte zur kulturpolitischen Aufarbeitung des kolonialen Erbe

DAS ERSTE „Titel, Thesen, Temperamente“: Letztes Kapitel im Streit um die Benin Bronzen?

HR-2 KULTUR Hörbeitrag: Gespräch mit Bénédicte Savoy über „Afrikas Kampf um seine Kunst“

Film zur Veranschaulichung der Aneignung von Kunst- und Kulturgütern ein Film aus den 1980er Jahren 

Buchempfehlungen:

Bénédicte Savoy „Afrikas Kampf um seine Kunst“, München 2021

Arno Bertina „Mona Lisa in Bangoulap – Die Fabel vom Weltmuseum“, Berlin 2016