Debatte

Bild: Francisco Anzola „Benin bronze“ (Attribution Licence)

Zu den heute augenfälligsten Erscheinungen des Kolonialismus und dem Fortleben kolonialer Strukturen gehören zweifellos die mit ungeheurer Sammelwut geplünderten Kunst- und Kulturgüter aus den ehemaligen Kolonien. Ob sie nun „gekauft“, „getauscht“ oder geraubt wurden –  ohne Kenntnis der durch die imperiale Gewaltherrschaft begründete asymmetrische Beziehung zwischen Kolonisierern und Kolonisierten ist ihre Aneignung durch die Europäer nicht zu verstehen. Erst dieses Ungleichgewicht machte die massenhafte Plünderung und Verschiffung dieser Kulturgüter Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nach Europa möglich, wo sie bis heute in Museen gezeigt oder nach dem Aufkommen einer kritischen Nachfrage nach ihrer Herkunft verschämt in Depots gelagert werden.

War in Deutschland die Debatte über den Umgang mit diesen Kulturgütern in den 1980er Jahren u.a. durch Museumsdirektoren noch verhindert worden, so nimmt sie aktuell wieder Fahrt auf. Spätestens seit der Ankündigung des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, das Raubgut, das sich in französischen Museen befindet, zurückzugeben, hat sich auch bei uns die öffentliche Diskussion intensiviert. Das zeigt nicht zuletzt die Auseinandersetzung um den Bau des Humboldt-Forums in Berlin und die dort geplanten Ausstellungen ethnologischer Sammlungen. Letztendlich geht es um eine gesellschaftliche Debatte über politische und moralische Verantwortung.  Die Museen haben sich verpflichtet, die Kunst- und Kulturgüter digital zu katalogisieren und weltweit zugänglich zu machen. Darüber hinaus muss auf Vertreterinnen und Vertreter der Herkunftsregionen aktiv zugegangen werden, um Wissen zu teilen sowie eine Rückgabe anzubieten und zu unterstützen.

Im Dezember 2022 reiste Außenministerin Annalena Baerbock gemeinsam mit Claudia Roth nach Abuja , um erste  Benin-Bronzen an Nigeria feierlich zurückzugeben. Dabei handelt es sich um zwanzig Objekte aus den fünf deutschen Museen der Benin Dialogue Group, Hamburger Museum am Rothenbaum, Ethnologisches Museum in Berlin, Kölner Rautenstrauch-Joest Museum, Völkerkundemuseen in Leipzig und Dresden sowie dem Stuttgarter Linden-Museum. Darunter sind Plastiken, die das Antlitz verstorbener Herrscher zeigen, ein Altarhocker sowie ein kostbarer HeIm. Die Museen hoffen, möglichst viele Exponate als Dauerleihgaben behalten zu dürfen.

Paulin Joachim, afrofranzösischer Dichter und Journalist, 1965 in der Monatsschrift „Bingo“, zitiert nach Bénédicte Savoy: „Afrikas Kampf um seine Kunst“:
„Man hat uns lange als Volk ohne Kultur und ohne Vergangenheit dargestellt. Wir haben nie etwas erfunden, noch können wir je etwas besingen. Die legitime Wiedererlangung unserer schönen Künste könnte dieser historischen Lüge ein Ende setzen und uns ein wenig vom Stolz Griechenlands schenken, der Mutter der Künste, die wie wir ebenfalls geplündert wurde.“

Mehr über koloniales Raubgut in deutschen Museen

„We want them back“ Wissenschaftliches Gutachten zu menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten in Berlin

Diskussion zwischen Ines de Castro, Sophie Schönenberger und Andreas Eckert SWR 4.11.2021

Interview mit Inés de Castro, Direktorin des Stuttgarter Linden-Museum

zu Raubgut aus Tansania SWR 12.10.2021

In einem Interview mit medico international spricht der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer zur Frage der Reparationen, zur Rückgabe von Raubgut und zur Kontinuität der deutschen Geschichte. Deutsche Politiker*innen und Vertreter*innen von Museen agieren laut Zimmerer immer noch mit einem kolonialen Gestus und stellen sich selbst in der Rolle der Helfer und Retter dar. Statt Hilfsgeldern schlägt Zimmerer z.B. eine rückwirkende Leihgebühr für die geraubten Schätze vor.

ZDF-Dokumentation: Bedrohte Schätze im Depot

DEUTSCHLANDFUNK KULTUR: Podiumsdiskussion zum Thema „Koloniale Raubkunst“

DEUTSCHER MUSEUMSBUND: Umgang mit Sammelgut aus kolonialen Kontexten

DEUTSCHER BUNDESTAG: Debatte zur kulturpolitischen Aufarbeitung des kolonialen Erbe

DAS ERSTE „Titel, Thesen, Temperamente“: Letztes Kapitel im Streit um die Benin Bronzen?

HR-2 KULTUR Hörbeitrag: Gespräch mit Bénédicte Savoy über „Afrikas Kampf um seine Kunst“

NDR Extra 3 am 12.08.21 zum Thema Raubkunst

Film zur Veranschaulichung der Aneignung von Kunst- und Kulturgütern ein Film aus den 1980er Jahren 

Buchempfehlungen:

Bénédicte Savoy „Afrikas Kampf um seine Kunst“, München 2021

Arno Bertina „Mona Lisa in Bangoulap – Die Fabel vom Weltmuseum“, Berlin 2016