Jute – eine tropische Faser mit Weltmarktbedeutung

Wo begegnet man Jute heute?
Jute ist mengenmäßig nach der Baumwolle die am meisten verwendete Naturfaser. Im Alltag sind die Säcke für Grünschnitt vertraut, ebenso „Jute statt Plastik“-Beutel oder bunte Jute als Dekorationsmaterial, auch Teppiche und Kaffeesäcke. Weniger bekannte Verwendungen von Jute sind die Herstellung von Spezialpapieren, der Einsatz als Füllstoff hinter den Türinnenverkleidungen von Autos oder in Faserverbundwerkstoffen oder Hochleistungsdämmstoffen. Jute wird auch in der Polster- und Sattlerei und im Garten, Landschafts- und Straßenbau verwendet. In Indien ist Jute per Gesetz als Verpackungsmaterial vorgeschrieben. In ihren Anbauländern werden die Blätter als Gemüsepflanze, für Suppen oder Tee, als Arzneipflanze und zum Herstellen traditioneller Bekleidung genutzt. Die Früchte sind allerdings giftig.

Was macht Jute zum interessanten Material?
Der niedrige Preis und die Robustheit des Materials macht Jute bei Herstellern beliebt. Jute zeichnet sich durch geringe Dehnbarkeit und leichte Färbbarkeit aus. Die Fasern sind sehr lang. Der größte Vorteil von Jute ist, dass es sich um einen nachwachsenden Rohstoff handelt, der schnell und vollständig biologisch abbaubar ist. Nachteile sind ihr Geruch, geringe Reißfestigkeit und die grobe Struktur.

Anbaugebiete
Die einzige bedeutende Anbauregion ist „Bengalen“, bis zum Ende der britischen Kolonialherrschaft eine indische Provinz, heute Bangladesch. Jute braucht ein ganz spezielles tropisches wechselfeuchtes Klima mit Überschwemmungen während einer bestimmten Wachstumsphase. Kommt es hier zu zeitlichen Verschiebungen, hat das dramatische Auswirkungen auf die Qualität und Menge der Ernte.
Für den Juteanbau ist viel Erfahrungswissen erforderlich, das die bengalischen Kleinbauern von Generation zu Generation weitergeben. Versuche des Juteanbaus in der deutschen Kolonie Kamerun scheiterten insbesondere wegen der mangelnden Erfahrung der Arbeitskräfte.
Mehr über Jute
Film über die Jute-Ernte in Bengalen
(In diesem Video sind nur Männer im Bild, obwohl auch Frauen mitarbeiten)

Jutesäcke
Für den weltweiten Handel mit Baumwolle, Wolle, Kaffee, Tee, Getreide, Reis, Zucker, Salzen und Gewürzen waren Jutesäcke ein ideales Verpackungsmaterial, das in großen Mengen gebraucht wurde. Das galt ebenso für die um 1900 entstandene Mühlenindustrie, die Zement- und Gipsindustrie und die Düngemittelindustrie (Thomasmehl, Kali, Stickstoff). Allein in Mannheim lebten um 1910 um die 20 kleine und mittlere Betriebe von der Herstellung, dem Verkauf, Verleih und der Reparatur von Säcken. Manche von ihnen entwickelten sich zu regelrechten Fabriken.

Andere Einsatzbereiche
Ab 1850 wurde Jute außerdem vielseitig verarbeitet: zur Herstellung von Linoleum, als Wandbekleidung, für Teppiche und Läufer, als Filtertücher für die Zuckerindustrie, als Isolierungsmaterial für Heizleitungen, als Futtereinlagen für Herrenbekleidung, als Schuheinlagen, für Polster, Dachpappen, in der Kabelindustrie für die Isolation, in der Zündschnurindustrie als Zündergarne, bei Seilereien für Bindfäden, Kordeln und Schnüre und nicht zuletzt für Sandsäcke im Krieg und bei Hochwasser.

Jutefabriken in Europa und Indien
Die erste Jutefabrik entstand 1830 im schottischen Dundee, das sich zu einem Weltzentrum der Juteverarbeitung für Säcke und Verpackungsmaterial entwickelte, und deshalb auch „Juteopolis“ genannt wurde. In der Hochphase der Produktion im späten 19. Jahrhundert gab es dort ca. 60 Textilbetriebe, die insgesamt mehr als 50.000 Personen beschäftigten. Zwei Drittel der Belegschaften waren Frauen, viele von ihnen Einwanderinnen aus Irland.
Die Jute-Barone von Dundee begannen um 1860 mit der Errichtung von Jutefabriken in Indien und Bengalen. Viele Schott*innen wanderten nach Indien aus, um in den Jutefabriken in Kalkutta zu arbeiten. Um 1900 überholte die Juteindustrie in Kalkutta den schottischen Jutehandel. Unmengen von Jutesandsäcken wurden im Ersten Weltkrieg aus Indien in die englischen Schützengräben des Stellungskrieges exportiert. Die Jutefabriken in Dundee schlossen um 1930.

Deutsche Jutefabriken
Ab 1861 gab es auch in Deutschland Jutefabriken. Die erste gründete Julius Spiegelberg 1861 in Vechelde bei Braunschweig mit schottischen Experten und englischem Kapital. Spiegelberg war gegen die Einschränkung der Kinderarbeit, denn das schädige die Industrie. Nach seiner Meinung benötigte die Textilindustrie Kinderarbeit zur Ausbildung fähiger Arbeiter. Er war Gründer und Vorsitzender des Vereins deutscher Jute-Industrieller, der ab 1880 einen Schutzzoll gegenüber den billigeren englischen Juteprodukten erzwang. Prompt setzte 1882 bis 1885 in Deutschland ein wahrer Boom von Jutefabrik-Gründungen ein, mit dem Ergebnis von Überproduktion und „Preisschleudereien“. Der Verein versuchte erfolglos mit Preiskonventionen und Betriebseinschränkungen einzugreifen.

Die Jutefabrik in Mannheim
1897 wurde auch in Mannheim eine große Jutefabrik als Aktiengesellschaft in Sandhofen eröffnet. Mit Kapital beteiligten sich folgende Banken und Privatpersonen:

  • Bankhaus W.H. Ladenburg 1.000.000.-
  • Schaaffhausener Bankverein 744.000.- (Privatbank, Abraham Schaaffhausen, Finanzquelle für die rheinisch-westfälische Schwerindustrie)
  • Rheinische Creditbank 652.000.- (Die Bank wurde durch F.Scipio 1880 mitgegründet)
  • Commerzienrat Carl Haas 620.000.- (Teilhaber der väterlichen „Conrad Haas Söhne Kolonialwaren- und Tabak-Großhandlung“, Gründer der Zellstoff-Fabrik in MA-Waldhof und der Papierfabrik Papyrus AG)
  • Commerzienrat Ferd. Scipio 500.000.- (beteiligt an diversen Bankgründungen und Kolonialunternehmer in Kamerun)
  • Commerzienrat Carl Karcher 380 000.- (Zuckerfabrik Frankenthal)
  • Fabrikdirektor Friedrich Schott 64.000.- (Vorstand Portland-Zement-Fabrik Mannheim)
  • Fabrikdirektor Carl Scheibler 40.000.- (vermutlich Düngemittelfabrikant)

Die Fabrik sah aus wie ein Schloss, aber die Arbeitsbedingungen waren unerträglich: Die Luft war heiß und staubig. Viele Beschäftigte hatten Tuberkulose. Die Beschäftigten, überwiegen Frauen und Mädchen, wurden schlecht bezahlt. Anwerber wurden nach Polen (damals Russland, Österreich, Preußen), Tschechien (Österreich, Böhmen, Mähren), Ungarn und Italien geschickt, um dort fast ausschließlich katholische Arbeiterfamilien und Alleinstehende anzuwerben. Zur Unterbringung der ausländischen Arbeiterinnen wurde eine Arbeiterkolonie mit einfachsten Reihenhäusern hochgezogen und ein Mädchenwohnheim errichtet. Letzteres sah von außen pompös aus, brachte aber 400 Mädchen in einem Schlafsaal wie Hühner in einer Legebatterie unter. 1906 kam es zu einem ersten Streik der Arbeiterinnen, 1921 zu einem weiteren.

Jute-Boykott und Kriegswirtschaft im ersten Weltkrieg
Im ersten Weltkrieg erlebte die deutsche Juteindustrie „durch das Abschneiden von jeglicher Rohstoffzufuhr durch England“ ein Desaster und die Produktion wurde eingestellt. Aber selbst 1916 schüttete die Mannheimer Jutefabrik noch eine Dividende von 4% von den Einnahmen der Vermietung von Fabrikgebäude und Maschinen an „eine Kriegsrohstoffgesellschaft“ aus.
Dabei handelte sich um die Firma der jüdischen Gebrüder Blumenstein, die eine große Sackfabrik am Industriehafen in der Friesenheimer Straße 25 betrieb. Sie hatte bereits 1912 zusammen mit dem Papierindustriellen Hartmann aus Berlin die „Textil-Union GmbH“ zum Vertrieb von „Garnen aus Textilose, Xylulin, Papier, Baumwolle, Jute etc.“ gegründet und stellte Säcke aus dem Papiergewebe her. Als im November 1915 mit Beginn des Stellungskrieges das Militär einen Auftrag von 37 Millionen Sandsäcken ausschrieb, konnte dieser allein von der „Textil-Union GmbH“ erfüllt werden. Ab Ende 1915 wurde sie deshalb zum fast monopolistischen Hauptlieferanten der Heeresverwaltung für Sandsäcke und entwickelte sich unter dem Namen „Vereinigte Jutespinnereien und Webereien Aktiengesellschaft“ zum großen Konzern mit 50 Unternehmen und Sitz in Hamburg.

Mehr erfahren über die Sackfabrik Blumenstein

Das Ende der Jutefabrik in Mannheim
Blumenstein galt als „Kriegsgewinnler. Nach einer kurzen Blütezeit in der Weimarer Republik war der Konzern 1932 zerschlagen. 1933 emigrierte Joseph Blumenstein mit seiner Familie in die Niederlande. Der Betrieb am Industriehafen wurde von einem Auspufftopf-Hersteller „arisiert“. Die Familie Blumenstein kam im Konzentrationslager Bergen-Belsen kurz vor Kriegsende um.
In der Jutefabrik herrschte zwischen 1933 und 1945 ein reges NS-Partei-Leben. Im Mädchenwohnheim wurden Zwangsarbeiterinnen einquartiert. 1946 fanden deutsche Flüchtlinge, vor allem Donauschwaben aus der Batschka, im Werk eine Anstellung. Das Werk stieg in den letzten Jahren noch in die Herstellung von Linoleum ein, bevor es 1958 geschlossen wurde. Seine Reste stehen unter Denkmalschutz und verfallen zunehmend.

Aktuelle Juteindustrie in Bangladesch
Nach der Unabhängigkeit von England und der Trennung von Pakistan (1971) stellte Bangladesch auf moderne Textilproduktion um. Bangladesch hat dafür sogar einen „Minister für Textilien und Jute“ und ein „Department of Jute“. Das ändert allerdings nichts an den grauenhaften Arbeitsbedingungen, die immer wieder bei schweren Unglücken wie den Einstürzen von Fabriken und Bränden ans Tageslicht kommen.

Der Artikel „Jute-Beutel aus Hitze, Staub und schwerer Arbeit“ in der Zeit vom 22.5.2012 mit eindrucksvollen Fotos von D. Sarkars zeigt die Schufterei in einer Jutefabrik.

Ein Video von einer Jutefabrik in Bangladesch zeigt auch Frauen.

Barbara Ritter