Bumillers Kriegsbeute aus dem Kolonialkrieg in Ostafrika

Grundlage dieses Artikels sind die Informationen auf der Webseite der Reiss-Engelhorn-Museen sowie der Aufsatz von Iris Edenheiser und Bernhard Gißibl:  Provenienz Kolonialeroberung –  Die ethnografische Sammlung Theodor Bumillers  in: „Imperiale Weltläufigkeit und ihre Inszenierungen –  Theodor Bumiller, Mannheim und der deutsche Kolonialismus um 1900“, Hg. Bernhard Gißibl / Katharina Niederau, Vandenhoeck & Ruprecht 2021  

Im Depot der Reiss-Engelhorn-Museen (rem)
Die sogenannte Sammlung Bumiller ist Teil der „Sammlung Weltkulturen“ der rem. Deren Geschichte geht auf Carl Theodor ins Jahr 1757 zurück. Als die kurfürstliche Residenz 1778 nach München verlegt wurde, kam das höfische Sammeln in Mannheim zum Erliegen. Mit dem Erstarken des Bürgertums in den 1830er Jahren wurde das Sammeln in Mannheim zu einer bürgerlich geprägten Aktivität. Mannheim als Handelsknotenpunkt des deutschen Südwestens wollte seine Weltläufigkeit durch Sammlungen ausdrücken. Die Sammlungen wuchsen während der Jahrzehnte kolonialer Herrschaft in Übersee bis 1918 und auch in der kolonialrevisionistischen Phase bis in die späten 1930er Jahre an. Ab der Jahrhundertwende war das artikulierte Ziel der städtischen Sammlungsbestrebungen, ein Kolonialmuseum mit Strahlkraft für den gesamten Südwesten zu etablieren. Die Bumillersche Sammlung war Teil dieser Bestrebungen.  Bumillers Witwe überließ 1920 einen Großteil seiner Artefakte den völkerkundlichen Sammlungen der Stadt Mannheim, wo eine besondere Bumiller-Abteilung eingerichtet wurde. Die rem haben seit 2021 die von Bumiller aus dem ehemaligen Deutsch-Ostafrika mitgebrachten Artefakte erforscht und stellen fest: „Sie entstammen größtenteils einer militärischen „Strafexpedition“ zur Unterwerfung von einheimischen Bevölkerungsgruppen, die 1889 vom Deutschen Reich angeordnet wurde. „

Zum Begriff „Sammlung“
Ethnografische Museen bezeichnen sämtliche Artefakte in ihren Depots als „Sammlungen“. Dieser harmlose Begriff verschleiert die gewaltsamen kolonialen Kontexte, in welchen ein großer Teil der Artefakte erworben wurde. Wir setzen den Begriff daher grundsätzlich in Anführungszeichen.

Zum Begriff „Artefakt“
Ich bediene mich des Begriffs „Artefakt“ anstelle des Begriffs „Objekt“, um einen Unterschied zum Gebrauch des Wortes „Objekt“ zu machen. Das Wort „Objekt“ deutet auf eine Verdinglichung und Herabsetzung hin. Im Gegensatz dazu waren und sind Artefakte aus lokaler Sicht mit religiös-ritueller und sozialer Macht ausgestattet und für die indigene Bevölkerung von großer Bedeutung, da sie eine Quelle der Inspiration und Identifikation darstellen.

Die „Sammlung“ Bumiller und ihr Weg nach Mannheim
Ein großer Teil der etwa 1300 Artefakte der „Sammlung“ Bumiller stammt aus der Kultur der Maasai. Etwa die Hälfte sind Waffen, das heißt Messer, Dolche, Schwerter, Speere, Schilde, Keulen, Bogen und Pfeile. Daneben gibt es eine große Zahl von Körben, Fächern, Schalen, Löffeln und becherartigen Behältern. Ebenso befinden sich in der „Sammlung“ kleinere Artefakte wie Kopfschmuck, Gürtel und Sandalen wie auch einfach gearbeiteter Schmuck aus Metall und Elfenbein. Nur wenige Artefakte wie Querhörner aus Elfenbein, geschnitzte Autoritätsstäbe sowie drei kleine, abstrakte, anthropomorphe Figuren sind dem sakralen Bereich zuzuordnen.  Sie stammen aus der militärischen Eroberung des nordöstlichen Teils der Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ (heute Tansania, Ruanda und Burundi). Dort verteidigten die Maasai ihren Lebensraum und das Weideland für ihre Viehherden gegen die Söldnertruppe von Herrmann Wissmann, die ab 1889 aktiv war und 1891 einen Kriegszug zum Kilimanjaro durchführte. Ein Teil der Artefakte geht auf die „Sammlung“ von Fritz Bley zurück, der sich 1889 an der Emin-Pascha-Expedition von Carl Peters beteiligte.

Wie oft in kolonialen Situationen wurden die Umstände und Formen des „Sammelns“ nicht explizit offengelegt. Selbst in massiv von Gewalt geprägten Kontexten wie in Ostafrika gab es unterschiedlichste Formen des „Sammelns“ – Kauf, Tausch, diplomatische Geschenke bis zu Erpressung, Plünderung  und Raub. Die Umstände wurden oft nicht dokumentiert und machen Provenienzforschung in ethnologischen „Sammlungen“ zu einem komplexen und schwierigen Unterfangen. 1897 schrieb ein Kenner der Verhältnisse, ein Arzt aus Ruanda, an Felix Luschan, Leiter der Ozeanien Abteilung des Berliner Völkerkundemuseums, dass es kaum möglich sei, ohne Gewaltanwendung an Gegenstände zu kommen. Mindestens die Hälfte des Berliner Museums sei mit Sicherheit gestohlen. Bumiller und Bley eigneten sich die Artefakte bei sogenannten Expeditionen an, die der Eroberung dienten. Die „Wissmann-Truppe“ war bekannt für das Niederbrennen von Dörfern, Exekutionen renitenter Chiefs, lokale Massaker mit dem Maschinengewehr und Raub sowie Plünderungen. Alle diese Gewaltformen gehörten zum Standardrepertoire der Truppe. An einer Stelle in seinen Tagebüchern berichtete Bumiller 1891 selbst davon: „Waffen, Speere, Zeug, Pulver, Schmuck, gefangene Kinder und Weiber werden in unzähliger Menge herbeigeschafft.“ Bumiller verfügte über keinerlei ethnologische Ausbildung und war auch als Kunstkenner nicht aufgefallen. Entsprechend konnte er weder systematisch „sammeln“ noch einordnen.

Ein Artefakt fällt allerdings aus diesen Gewaltkontexten heraus: ein unbearbeiteter Elefantenstoßzahn, den Bumiller von einem herausragenden Elfenbein- und Sklavenhändler, unter dem Namen Tippu Tip bekannt, als Geschenk bekam. Seit 1925 ist der Elefantenstoßzahn im Museum in Mannheim ausgestellt und trägt die Gravur: “Geschenk des Sklavenhändlers Tippu Tip an den Rittmeister der Reserve Bumiller, Sansibar, 1894“. Lokale Chiefs nutzten Geschenke auch als Mittel der Machtdemonstration, wodurch „Sammeln“ und Gabentausch zu einem Teil politischer Beziehungen werden konnte.

Abbildung mit alter Ausstellungsmontage aus den 1920er/30er Jahren © rem

Die „Sammlung“ Bumiller enthält auffallend viele Waffen. Als Kriegsbeute hatten sie Trophäencharakter. Bemerkenswert ist, dass es sich nur um traditionelle Waffen wie Schilde, Speere, Pfeile und Bogen handelt, obwohl die ostafrikanischen Gesellschaften durch die Netzwerke des Karawanenhandels und die Einbindung in den Welthandel längst über europäische Waffen verfügten. Absichtsvoll trugen Europäer nur traditionelle Waffen zusammen, deren Ausstellung in den Museen der Auffassung vom primitiven Anderen entsprachen.

Einige bemerkenswerte Artefakte der „Sammlung“ Bumiller
Nach heutigem Wissensstand sind zwei Artefakte in Bumillers Arsenal von besonderer Bedeutung: der „Speer“ des Prinzen, des Sohns von Chief Mandara von Moshi aus der von Fritz Bley übernommenen Sammlung, sowie der schon erwähnte Elefantenstoßzahn, den Bumiller wahrscheinlich von Tippu Tip erhalten hat. Bedeutsam sind außerdem Schilde der Maasai.

Der Speer von Mandaras Sohn
Bumiller bezeichnete ihn als „Speer, Spielzeug des Prinzen“. Möglicherweise könnte der Speer jedoch eine große kulturelle Bedeutung für die Nachfahren am Kilimajaro haben. Chief Mandara gehörte zu den einflussreichen Oberhäuptern, der aufgrund seiner Teilnahme am Karawanenhandel zu großem Wohlstand gekommen war. Er unterstützte die ,Wissmanntruppe‘ und die seit 1885 von ihr und der DOAG gegründete Militärstation Moshi am Kilimajaro und versuchte damit, sich seines politischen Gegners Sina von Kibosho zu entledigen. Die deutsche Truppe plünderte den Wohnsitz von Sina und brannte ihn nieder. Dabei nahm Bumiller den „Leopardenmantel des Sultans“ mit. Die ,Wissmanntruppe‘ erbeutete eine große Zahl von Waffen, 6000 Rinder sowie 10000 Ziegen, einen Elefantenstoßzahn sowie zwei Speere Sinas. Sinas Sohn Meli überreichte der Truppe außerdem kostbare Dschagga-Speere. (Dschagga: Große Volksgruppe am fruchtbaren Südhang des Kilimanjaro, die intensive Landwirtschaft betreibt). Unter diesen Umständen könnte auch der „Speer des Prinzen“ in deutsche Hände gelangt sein. Mandara fungierte auch als geschickter Mittler zu den Netzwerken des Elfenbeinhandels und bediente die Interessen europäischer und nordamerikanischer Militärs, Händler und Sammler.1889 schickte er sogar eine  Delegation nach Berlin, um Kaiser Wilhelm II einen Elfenbeinstoßzahn als Geschenk zu überreichen.    

Da unter den Söhnen Mandaras oft der Name Meli bei politischen Verhandlungen auftaucht, könnte der Speer von diesem Sohn stammen. Meli folgte 1891 seinem Vater als Chief nach, wurde jedoch unter einem falschen Vorwurf von den Deutschen gehängt. Seine Nachfahren suchten in den letzten Jahren in Deutschland den Schädel des Großvaters und sammelten Geld für ein Denkmal und ein Community Museum nahe des Kilimanjaro/Tansania. (Siehe auch den Film „Mangi Meli Remains“ des Berliner Regisseurs Konradin Kunze 2018). Meli ist heute eine verehrte Person und ein zentrales Symbol des antikolonialen Widerstandes der Dschagga.

Elefantenstoßzahn
Eine Plakette weist den Elefantenstoßzahn als Geschenk von Tippu Tip aus, einem der einflussreichsten Sklaven- und Elfenbeinhändler Ostafrikas, der sein Handelsnetzwerk bis in den Kongo ausgebaut hatte. Da er eine militärisch gut ausgerüstete Gefolgschaft besaß, spielte er zwischen Deutschen, Briten und Belgiern als Rivale und Kooperationspartner eine zentrale Rolle. Bei aller Antisklaverei-Rhetorik unterstützten die Deutschen in den 1890ger Jahren die sansibarischen Elfenbeinhändler wie Tippu Tip an der Ostküste, um die Handelsherrschaft der Belgier im Kongo auszuschalten. Die ostafrikanischen Städte Bagamoyo und Dar-es-Salaam galten als von den Deutschen okkupierte Häfen, sie dienten als Ausgangsorte für ausgedehnte kriegerische Feldzüge in das Innere des Landes.  

Elfenbein stellte in Ostafrika das wichtigste Handelsgut und Zahlungsmittel dar, das in sehr unterschiedlichen Kontexten genutzt werden konnte. Berufsmäßige Elefantenjäger zum Beispiel erkauften mit einem Stoßzahn die Erlaubnis, in einem bestimmten Gebiet jagen zu dürfen. In Europa und Nordamerika entwickelte sich eine große Bandbreite für den Einsatz von Elfenbein – von sakraler Kunst über Klaviertasten bis hin zu Kämmen, Messergriffen und Billiardbällen. Historiker*innen sprechen von Elfenbein als dem Plastik des späten 19. Jahrhunderts. Gleichzeitig wurde vor der baldigen Ausrottung der Elefanten gewarnt.

Unklar ist, ob der Elefantenstoßzahn der Bumiller Sammlung tatsächlich von Tippu Tip stammt und in welchem Kontext Bumiller an diesen gelangte. Wichtig ist die Plakette am Elefantenstoßzahn, von der ebenfalls nicht bekannt ist, woher sie stammt und wer sie angebracht hat. Die Plakette verweist auf den damals vorgeblich „humanitären“ Kampf gegen die Sklaverei in arabischer Hand, aber gleichzeitig auch auf die Verhandlungsmacht der ostafrikanischen Akteure.

1925 wurde der Elefantenstoßzahn in der Bumiller-Sektion der völkerkundlichen Abteilung des Zeughausmuseums gezeigt, sowie 1971 im Rahmen einer Ausstellung über „Kongo – Gestalten und Zeiten“. Der Zahn stand damals für die Macht „arabischer Sklavenhändler“, während die Kolonisierung des Kongo-Beckens auf der Ausstellung beschönigt dargestellt und verschwiegen wurde.

Maasai-Schilde
Die ,Wissmanntruppe‘ drang gewaltsam in das Siedlungsgebiet der Maasai am Kilimanjaro ein. Wissmann schrieb über den „viehisch-rohe(n) Charakter“ dieser Volksgruppe und gab 1891 den Befehl, auf jeden Maasai zu feuern, ihre Kraale zu zerstören und ihr Vieh wegzunehmen. Carl Peters urteilte ähnlich über die nomadischen Maasai, dass „diesen Wilden Söhnen der Steppe schließlich doch nur die Kugeln der Repetiergewehre und der Doppelbüchsen“ imponierten. Spuren dieser kolonialen Gewalt befinden sich auf einem der Schilde in der „Sammlung“ Bumiller: das Einschussloch einer Gewehrkugel. In den 1920er Jahren wurden die Schilde zusammen mit Maasai-Speeren als Zeichen eines siegreichen Krieges präsentiert.

Die Schilde der Maasai waren aus Büffelleder gefertigt, ihre Bemalung gab Auskunft über regionale und Altersklassen-Zugehörigkeit. Schilde waren auch Ausdruck von Geschlecht und sozialer Rolle und kamen bei Tänzen und Initiations-Riten zum Einsatz. Da durch koloniale Zerstörung auch die Bedeutungsstruktur der Schilde verloren ging, könnten heute nur Expert*innen der Maasai diese einordnen und interpretieren.

Inszenierungen der „Sammlung“ Bumiller
Bereits 1889 und 1894 präsentierten zwei Sonderausstellungen in Mannheim ostafrikanische Waffen aus der „Sammlung“ Bumiller. Dabei wurde Bumiller als mutiger Kolonialeroberer gefeiert. Auch die Wohnung der Bumillers glich einem Museum. So wurden – vermittelt über erbeutete Waffen wie Speere und Schilde – die Kolonie Deutsch-Ostafrika und die koloniale Machtausübung für die Mannheimer Bevölkerung unmittelbar anschaulich.   

Nach ihrer Übergabe in städtische Hände 1920 wurde die Sammlung Bumiller ein fester Bestandteil der Schausammlung des 1925 neu eröffneten Zeughausmuseums. Sie war bis zur renovierungsbedingten Schließung 1936 für die Mannheimer Bevölkerung zugänglich. Prominent im Vordergrund vor den Vitrinen wurde der Stoßzahn von Tippu Tip präsentiert. Daneben stand ein lebensgroßer Maasai-Krieger mit Haarschmuck, Speer, einer Stoßwaffe, einem Knüppel und Schild, der den Mannheimer*innen die Kriegslust der afrikanischen Völker verdeutlichen sollte. Auf diese Weise vermittelte sich der Eindruck von natürlicher Authentizität und ethnografischer „Wahrheit“.

Kuratiert wurden die Ausstellungen von Amateuren und Laien, meist Mannheimer Gymnasiallehrern. Das änderte sich 1936 mit der Übernahme der Leitung durch Robert Pfaff-Giesberg, studierter Ethnologe. Pfaff-Giesberg war daran interessiert, Bumiller als wissenschaftlichen Forscher und nicht als kolonialen Eroberer erscheinen zu lassen. Der Kontext der Gewalt, Zerstörung und massenhaften Plünderung in Ostafrika wurde von den Mitarbeiter*innen des Museums verschleiert und verschwiegen. 

Fazit
Bumillers „Sammlung“ ist symptomatisch für viele ethnografische „Sammlungen“ in Deutschland. Sie ist willkürlich entstanden und wurde nicht wissenschaftlich begleitet. Die Trophäen sind Ausdruck von Nichtwissen über die Gesellschaften, die kolonisiert wurden. Gewalt, kriegerische Auseinandersetzung, Machtgehabe und Plünderung spielten eine wesentliche Rolle bei der „Sammlung“ von Artefakten.

Bumiller nutzte die Aneignung und Zurschaustellung seiner mitgebrachten Trophäen hauptsächlich zur Inszenierung seiner eigenen Person. Gleichzeitig diente sie der Verschleierung kolonialer Gewaltausübung. Die „Sammlung“ diente der Vergewisserung der Bevölkerung, höherwertig zu sein und als „zivilisierte Gesellschaft“ an der Spitze der Menschheit über dem „Anderen“ zu stehen.

Heute steht die Kontaktaufnahme mit Fachleuten aus den Herkunftsgemeinschaften der Artefakte an erster Stelle. Es muss die Restitution derArtefakte angeboten werden und ggf. die Erlaubnis eingeholt werden, sie in Mannheim auszustellen. Nur gemeinsam mit Expert*innen der Herkunftsorte der Artefakte wird eine Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit sowohl für die Stadtgesellschaft als auch für die Mannheimer Institutionen gelingen.    

Anna Barbara Dell, September 2026