
„Richtung Bamum begibt sich der Besucher auf den Lebensweg der Aufsatzmaske aus dem Besitz des Königs Njoya. Im Jahre 1912 wurde sie von dem Forscherehepaar Marie Pauline und Franz Thorbecke während einer Expedition in die ehemalige Kolonie Deutsch-Kamerun für vierzig Reichsmark und vier Päckchen Zündhölzer erworben.“
Ninette Preis, Page maintained by Pressestelle der Universität Heidelberg, © Pressestelle Universität Heidelberg. Heidelberger Studierende organisierten 1997 eine Ausstellung in den REM, in der sie sich mit der Symbolik von Masken beschäftigten.
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Helmmaske, Reiss-Engelhorn Museen
Die Reiss-Engelhorn-Museen beteiligten sich Mitte Januar 2024 an einem dreitägigen Dialogtreffen in Stuttgart. An dem Treffen nahmen das kamerunische interministerielle Komitee für die Rückführung illegal ausgeführter Kulturgüter und vier Repräsentant:innen traditioneller Gemeinschaften und Königreiche aus geografisch unterschiedliche Kulturregionen Kameruns teil. Von deutscher Seite waren elf deutschen Museen vertreten, deren ethnologische Sammlungen mehr als 500 Objekte aus Kamerun besitzen. Unter Federführung der Baden- Württembergischen Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) und des Lindenmuseum Stuttgart waren die Museen aufgefordert „über mögliche Wege der Rückgabe von Kulturgütern nach Kamerun und über eine nachhaltige Zusammenarbeit“ zu verhandeln.
1789 Objekte aus Kamerun sind in den Inventarlisten der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen verzeichnet. Das gibt der 2023 erschienenene Atlas der Abwesenheit an. Davon stammen 754 von Franz und Marie-Pauline Thorbecke. Einen „prächtig gearbeiteten Leopardenthron“ brachte Theodor Seitz ein. Zur Herkunft der übrigen gut 1000 Objekte machen die REM bisher keine Angaben.
„Jedes einzelne dieser Objekte ist Teil der Seele unseres Volkes“
sagt Bruno Mvondo, Vertreter der Fang-Béti im Süden des Landes.
Kamerun bestand in vorkolonialer Zeit aus hunderten unterschiedlich organisierten Gemeinschaften. Der kamerunische Botschafter Victor Ndocki betonte bei der Tagung, dass es sich bei den sog. ‚Objekten‘, die deutsche Museen bereichern, um wichtige Insignien der Macht oder Alltagsgegenstände dieser Bevölkerung handelt. Sie sind Zeugen ihrer Kultur und Identität und spirituell und traditionell bedeutend für das Selbstverständnis der Volkes.
Wie kamen die Sammlungen der Kulturschätze aus Kamerun in Deutsche Museen?
Kamerun war von 1884 bis 1919 Kolonie des Deutschen Reiches. 181 so genannte ‚Strafexpeditionen‘ zählte das Team der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy in der deutschen Kolonialzeit . Sie dienten dazu, das Land zu unterwerfen, aber auch ganz bewusst der Aneignung von Kulturgütern. „Letztlich wurden sämtliche Aufstände und Widerstände von den sogenannten deutschen Schutztruppen niedergeschlagen. Die Bevölkerung musste ein neues System der Besteuerung, Verwaltung und Arbeit erdulden. Das Deutsche Reich raubte zahlreiche Kulturgüter des Landes wie Musikinstrumente, Textilien, Waffen, Schmuck, rituelle Statuen und Masken.“ Siehe SWR vom 15.01.24
Zur sogenannten Sammlung Thorbecke in den REM
Der Geograph Franz Thorbecke (1875-1945) und seine Frau Marie Pauline Thorbecke (1882-1971) reisten 1911 bis 1913 mit einer Expedition durch einige Regionen Kameruns. Vornehmliches Ziel war zu untersuchen, welche Ressourcen das Land zur kolonialen Ausbeutung bot. Finanziert wurde die Reise durch die Deutsche Kolonialgesellschaft und die Stadt Mannheim. Nach Thorbeckes Angaben brachte die Expedition „neben ihrem Ziel der Erhebung von Daten zu Klima, Topografie, Vegetation, Tierwelt und wirtschaftlichen Verhältnissen … auch „1300 Gesteine und Bodenproben, … 6 menschliche Schädel, davon 2 mit ganzem Skelett, und Skeletteile, 50 Phonogramme von Musik- und Sprachproben, … Photographien, die alle unterwegs entwickelt wurden, 80-90 Aquarelle, …sowie viele Bleistiftzeichnungen nach Deutschlan (Zitat nach Martin Schultz)
Siehe auch den Podcast der REM
Vor einem Jahr veröffentlichten die REM auf ihrer Webseite: „Wenn die Herkunft der Objekte geklärt ist, sollen sie „wieder dahin zurückkehren, wo sie hingehören“, Dafür müssen die Herkunftsgesellschaften aber erst einmal erfahren, dass ihre Kulturgüter noch existieren.
Das Sammlungskonvolut «Thorbecke», überwiegend aus ‚Deutsch-Westafrika‘ wurde digital erfasst und sollte öffentlich zugänglich gemacht werden. Die Veröffentlichung der erfassten Kulturgüter aus der Sammlung steht aber nach wie vor aus. Sie ist Voraussetzung zur Restitution der Kulturgüter, die die Nachfahren beanspruchen. Nach wie vor steht auch eine Auseinandersetzung des Museums mit seiner eigenen Geschichte und seinen Sammlungsbegründern aus. Und nach wie vor liegen die zu unrecht erworbenen Kulturgüter Kameruns im Depot.
Die Delegation aus Kamerun besuchte im Anschluss an das Dialogtreffen in Stuttgart die Museen in Frankfurt (17.1.), Köln (18.1.), Hannover (19.1.), Leipzig (20.1.), Berlin (23.1.) und Hamburg (25.1.) Nach Mannheim kam sie nicht.
Laut REM soll nichts veröffentlicht werden, bis „die Sammlung hinsichtlich Kolonialzeit und Provenienz sowie im Austausch mit Herkunftsgesellschaften aufbereitet ist.“ Bei der beklagten dünnen Personaldecke zur Aufarbeitung kann das dauern. Wir hoffen, dass sich die REM vorher entschließen ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Diese ist nach unserer Auffassung,
den Nachkommen der Gesellschaften, aus denen die Sammlungen stammen ihr Erbe sichtbar und erfahrbar zu machen mit dem Ziel der Restitution, und
die Museumsbesucher:innen aufzuklären über Mannheims Koloniales ‚Erbe‘.
Beitragsfoto: Gruppenbild der Teilnehmenden am Diaolgtreffen in Stuttgart © Linden-Museum Stuttgart,
Foto: Dominik Drasdow
