Zu musealen Standards der „Dinge“

Stimmen aus dem Kulturausschuss zu den Benin-Bronzen in den Reiss-Engelhorn-Museen 8.7.2021
Kapitel 3

Wie sicher wurden denn die Kulturschätze in Mannheim aufbewahrt?

Der ehemalige Direktor des Museums für Völkerkunde und Urgeschichte Mannheim Pfaff-Giesberg beklagte Verluste durch den 2. Weltkrieg. Objekte der „ Eskimo, Jakuten usw.“ wurden bei Bombardements zerstört. Nicht nur der Krieg setzte den Kunstwerken zu. Ludwig W. Böhm , Direktor des Reiss-Museums ab 1949 informiert in einem Arbeitsbericht: „… Nur das Völkerkundemuseum hatte seinen Besitz ohne größere Einbußen bewahren können; seine Bestände waren jedoch ohne Pflege und fachkundige Obhut, seit Jahren in feuchten Kellern gelagert und je länger je mehr von fortschreitendem Verfall bedroht.“

...und heute? Entspricht die Aufbewahrung der Kulturgüter in den REM „musealen Standards“?

Das ZDF berichtete am 28.11.2020 über das sog. „Passive Entsammeln“ bei historischen Objekten. Damit ist gemeint, „der andauernde Schwund von Artefakten durch Insektenfraß oder die Konfusion in Depotschränken und Bestandsakten.“ 

Die meisten Kunstschätze aus der Kolonialzeit in den REM lagern in Depots. Martin Schultz schreibt: „Trotz des Erwerbs teils bedeutender Bestände aus Feldforschungen, wie etwa 1964 einer Sammlung von fast 100 Objekten aus Tansania durch Axel Freiherr von Gagern, kam es zu keiner weiteren Bearbeitung, teilweise nicht einmal zu einer Inventarisierung dieser Stücke.“  Die Reiss-Engelhorn-Museen informierten anlässlich der Mumien-Ausstellung: „Es war eine Sensation, als im Jahr 2004 zwanzig verschollen geglaubte Mumien in den Depots der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen wiederentdeckt wurden.“

Warten, bis die „musealen Standards“ in den Museen der beraubten Ländern „hergestellt“ werden?

Es ist zu befürchten, dass die im Kulturausschuss geäußerten Vorstellungen über die musealen Standards zum Ziel haben, die Rückgabe der Kunstwerke ein weiteres Mal zumindest heraus zu zögern. Die Taktik ist nicht ganz neu.

Peju Layiwola, Enkelin eines Oba, Künstlerin, Professorin für Kunstgeschichte und Leiterin der Abteilung für kreative Künste an der Universität von Lagos befürchtet in einem Gespräch im Kölner RJM: „Es dauert sehr lange bis die geraubten Kunstschätze in Benin City zu sehen sind“.
Bleibt zu hoffen, dass der Mannheimer Gemeinderat die Restitution aller geraubten Güter aus der Kolonialzeit aktiv und ohne wenn und aber unterstützt.

Foto: Igwatala, CC BY-SA 4.0

Ausstellung im Shyllon Museum of Arts in Lagos, Januar 2021

Foto: Informedbyme, CC BY-SA 4.0

Aus Nigerias Hauptstadt Abuja äußert sich der Direktor der nationalen Kommission für Museen und Denkmäler (NCMM), Abba Isa Tijani : „Es ist das Missverständnis, dass entwickelte Länder meinen, uns würden die Strukturen fehlen. Was ist aber mit den Bronzen, die noch immer bei uns sind? Sie werden in verschiedenen Museen gezeigt.“ Die unterschiedlichen Standardszwischen westlichen und afrikanischen Museen lässt er nicht gelten: „Ein Argument, geraubte Gegenstände nicht zurückzugeben, ist das nicht“, sagt Abba Isa Tijani: „Wir wollen unsere Museumslandschaft verbessern.“ (zit. nach Katrin-Gaensler s.u.)
In Nigeria ist mit internationaler Unterstützung der Bau des Edo Museum of West African Art (EMOWAA) in Benin City in Planung und soll bis 2024 fertig gestellt sein. Passend zu Herkunft der Kunstschätze aus dem Königreich Benin wird das Museum neben dem großen Königspalast erbaut.

zum Beispiel ein Engagement von Bilfinger?

Auch solidarische Kooperation beim Aufbau musealer Infrastruktur wäre in den ehemals kolonialisierten Ländern sicher willkommen. Als Mäzen böte sich das Mannheimer Unternehmen Bilfinger bestens an. Bilfinger hatte schon in der Kolonialzeit Geschäfte mit dem Bau von Landungsbrücken und Hafenanlagen in Afrika gemacht. Im Vertrag zwischen dem Reichskolonialamt und u.a. der Grün & Bilfinger AG wurden 1912 in Mannheim zum Bau der ‚Landungsbrücke Swapoland‘ in der ‚Lüderitzbucht‘ Baukosten von 3,5 Millionen Reichsmark verhandelt! (vgl. Yoko Rödel s.u.) Bilfinger und Berger waren ab den 1970er Jahren auch an der Erbauung Abujas, der Hauptstadt Nigerias beteiligt. Es kam zu massiven Korruptionsvorwürfen. Laut MM vom 14.8.2019 spülte der Verkauf der Anteile am Bauunternehmen Julius Berger in Nigeria zehn Millionen Euro in die Kasse der Bilfinger-Zentrale. (Siehe auch WiWo)
Da wäre Unterstützung beim Bau eines Museums eine feine Geste. Man könnte z.B. für Terrakotten aus dem Gebiet Nok in der Nähe Abujas ein Museum bauen. Yusuf Maitama Tuggar, Botschafter von Nigeria in Deutschland dazu in der Zeitschrift Bauwelt: „ Also wenn man ein Museum für diese Terrakotten möchte, dann würde man es in Abuja bauen.“

Margarete Würstlin

Quellen

Ludwig W. Böhm, Städtische Museen Mannheim – ein Arbeitsbericht 1951 (Deutsches digitales Zeitschriftenarchiv) 

Katrin-Gaensler, Restitutionsdebatte in Nigeria: Warten auf die Rückkehr TAZ, 23.5.21

Pfaff -Giesberg 100 Jahre Altertumsverein, Mannheimer Geschichtsblätter 57 – 59

Dr. Martin Krauß auf Rhein_Neckar-Industriekultur 

Yoko Rödel, Die Landungsbrücke von Swakopmund , 2021

Bénédicte Savoy: „Afrikas Kampf um seine Kunst“, Geschichte einer postkolonialen Niederlage, 2021

Martin Schultz, „Vom Naturalienkabinett zum Mehrspartenmuseum. Die ethnologischen Sammlungen der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim“ 2015

Deutscher Museumsbund: Leitfaden für nachhaltiges Sammeln

http://www.bauwelt.de/rubriken/interview/Die-Zeit-ist-reif-fuer-eine-Aufarbeitung-3627374.html

https://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/nigeria-connection-der-fall-bilfinger-schaden-ohne- ersatz/9224766.html

Beitragsbild: Das Museum of History in Kano, Nigeria. Foto: Jriddell at wts wikivoyage, CC BY-SA 4.0 

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