Vom Tauschwert der Dinge

Stimmen aus dem Kulturausschuss zu den Benin-Bronzen in den Reiss-Engelhorn-Museen 8.7.2021 Kapitel 5

Zunächst muss nochmals auf Ursache und Wirkung verwiesen werden: „Verscherbelt“ und „verstreut“ wurden die Kunstwerke in Folge der Enteignung, des Raubes oder unlauterer Geschäfte bei kolonialen Raubzügen.

Die wertvollen Kunstwerke und Kultobjekte und handwerklich auf höchstem Niveau erstellten Alltagsgegenstände werden auf dem Weltmarkt zu hohen Preisen gehandelt und ‚bereichern‘ natürlich auch ein Museum, dessen Wert nach seinen Kunstschätzen bemessen wird.

Die Journalistin Angelika Heinick schrieb 2006 in der FAZ über eine Kunstauktion in Paris, dass „ab jetzt Spitzenstücke afrikanischer Kunst zum Teuersten gehören, was der Markt zu bieten hat.“ … „Kultwert, Ausstellungswert und Tauschwert sind zusammen gefallen und verleihen dem Objekt einen „profanen Kultwert“. 

Nebenbei: auch deutschen Museen ist der Marktwert ihrer Kulturgüter nicht fremd. 2006 erregte das Ansinnen der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe Aufsehen. York Langenstein fragt in der Zeitschrift Politik & Kultur: „Stehen unsere Museen vor dem Ausverkauf? Wie Verkäufe aus Museumsbeständen Finanzlücken stopfen sollen.“

Zur Sanierung und Erhalt des Schlosses Salem benötigte man 70 Millionen Euro. Das Vorhaben sollte durch den Verkauf von 3.500 der 4.200 mittelalterlichen Handschriften aus dem Bestand der Badischen Landesbibliothek aufgebracht werden. (Olaf Zimmermann s.u.) Nach massiven nationalen und internationalen Protesten kam es nicht zum Verkauf.

Kunst existiert nicht losgelöst von der schnöden Warenwelt.  Die Kolonialisten hatten Kunst- und Kulturgegenstände, so sie diese nicht einfach „davon trugen“, mit billigem Tand bezahlt bzw. mit Tabak und Alkohol, an welche die Bevölkerung erst „gewöhnt werden“ musste. Schon damals betrug beispielsweise der Gewinn für deutsche Südseehändler zwischen 150 und 800 Prozent. (Götz Aly, s.u.)

Viele Völker kannten keinen Besitz im Sinne heutiger Marktökonomie. Ihr Reichtum speiste sich aus dem Gebrauchswert der Güter, die sie kunstfertig herstellten, und aus den natürlichen Ressourcen, die sie zu bewahren wussten. Die bei den Raubzügen aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissenen Kulturgüter wurden erst in den Händen der Kolonialisten zu Waren, an denen sich bis heute auf dem Kunstmarkt gut verdienen lässt. (vgl. ‚Die Diebe von Bagdad, auf dieser homepage)

Margarete Würstlin, Oktober 2021

Quellen

Götz Aly: Das Prachtboot, 2021

York Langenstein: Stehen unsere Museen vor dem Ausverkauf ? Wie Verkäufe aus Museumsbeständen Finanzlücken stopfen sollen, Politik & Kultur 6/2006

Heike Wintershoff: Der profane Kultwert. Echtheitskonzepte afrikanischer Objekte von Museen, Auktionshäusern und Sammlern. Kunst & Kontext Ausgabe 2, Oktober 2011 

Olaf Zimmermann: Schlachtung des Kultursparschweins, in Deutscher Kulturrat: Altes Zeug. Beiträge zur Diskussion zum nachhaltigen Kulturgutschutz , Politik & Kultur 6/2021

Beitragsbild:
Amulett und Glasperlen. Kamerun, 1900-1917, Museum im Ritterhaus (Offenburg). Foto: Ji-Elle, CC BY-SA 4.0

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